Schaumburg im Mittelalter
Tagungsbericht Bückeburg, 11. bis 13. März 2010 Kurzübersicht: Dr. Stefan Brüdermann (NLA – Staatsarchiv Bückeburg): Einführung Prof. Dr. Hansjörg Küster (Universität Hannover): Die Landschaft um die Schaumburg: Mitteleuropa im Kleinen Dr. Jens Berthold (Schaumburger Landschaft, Bückeburg): Schaumburg vor der Schaumburg – Ergebnisse und Fragestellungen der Archäologie zur Besiedlung bis in die römische Kaiserzeit Dr. Tobias Gärtner (Göttingen): Siedlungskontinuität, Landesausbau und Wüstungen – Aspekte der Besiedlungsgeschichte des Schaumburger Landes von der römischen Kaiserzeit bis zum späten Mittelalter Dr. Hans-W. Heine (Niedersächsisches Landesdenkmalamt, Hannover): Mittelalterarchäologie: Die mittelalterlichen Burgen der alten Grafschaft Schaumburg. Stand der Forschung – offene Fragen Dr. Nathalie Kruppa (Akademie der Wissenschaften zu Göttingen): Überlegungen zur Herkunft und zu den Anfängen der Grafen von Schaumburg Prof. Dr. Jens Olesen (Universität Greifswald): Die frühen Grafen von Holstein-Schaumburg und der Kampf um Holstein mit den dänischen Königen (12.-13. Jahrhundert) Prof. Dr. Gerd Steinwascher (NLA – Staatsarchiv Oldenburg): Kloster und Herrschaft in Schaumburg Prof. Dr. Wolfgang Petke (Universität Göttingen): Die Ausbildung des Pfarreiwesens in den Schaumburger Landen (9./10.-14. Jahrhundert) Prof. Dr. Bernd Ulrich Hucker (Hochschule Vechta): Die Grafen von Schaumburg und die europäische Kreuzzugsbewegung Dr. Waldemar Könighaus (Akademie der Wissenschaften zu Göttingen): Der Olmützer Bischof Bruno von Schaumburg und seine Stellung in der Geschichte Prof. Dr. Werner Rösener (Universität Gießen): Agrarstrukturen und ländliche Gesellschaft im Herrschaftsbereich der Grafen von Schaumburg Dr. Hendrik Weingarten (NLA – Staatsarchiv Bückeburg): Mittelalterliche Wirtschaftsgeschichte Schaumburgs Dr. Thorsten Albrecht (Landeskirchenamt Hannover): Sakrale mittelalterliche Architektur und Kunst in Schaumburg – Ein Überblick Christin und Wolfgang Krischke (Hofreitschule Bückeburg): Mittelalterliche Reitkunst und Falknerei Prof. Dr. Thomas Vogtherr (Universität Osnabrück): Die Grafen von Holstein-Schaumburg als Städtegründer. Die Entstehung der Schaumburger Städte Dr. Stefan Eick (Kiel): Die Reichskanzlei, Ziel Schaumburger Heiratspolitik Dr. Bernd-Wilhelm Linnemeier (Münster): Nachbarn – Freunde – Konkurrenten. Die Edelherren und Mindener Stiftsvögte zum Berge und ihr Verhältnis zu den Schaumburger Grafen Dr. Helge Bei der Wieden (Bückeburg): Landesherr und Stände Vor 900 Jahren wurde der Edelherr Adolf von Schaumburg mit der Grafschaft Holstein belehnt. In den folgenden Jahrhunderten entstand erst allmählich die Grafschaft Schaumburg zwischen Steinhuder Meer und Weser. Anlässlich des Jubiläums hat die Tagung „Schaumburg im Mittelalter“ der Historischen Arbeitsgemeinschaft für Schaumburg neue Forschungen zur Archäologie und mittelalterlichen Geschichte Schaumburgs zusammengeführt und eine Bilanz des aktuellen Kenntnisstandes ziehen können. Nach einer Einführung in das Thema der Tagung durch Dr. Stefan Brüdermann stellte Prof. Dr. Hansjörg Küster, Hannover, „die Landschaft um die Schaumburg: Mitteleuropa im Kleinen“ vor. Dabei wurde deutlich, dass in Schaumburg auf engem Raum alle wesentlichen mitteleuropäischen Landschaftsformen vorkommen, von Wasserflächen über norddeutsches Tiefland und Mittelgebirge bis hin zu Felsformationen im Süntel mit typischen Alpenpflanzen. Geprägt wurde die Landschaft durch die Eiszeit, die auch zahlreiche fruchtbare Lössvorkommen hinterlassen hat. Den später kolonisierten Dülwald, der große Teile der Schaumburger Ebene einnahm, sah Küster eher als lichte Waldweide denn als undurchdringlichen Urwald. Es folgte eine Gruppe archäologischer Vorträge: Dr. Jens Berthold, Bückeburg beschäftigte sich mit „Schaumburg vor der Schaumburg Ergebnisse und Fragestellungen der Archäologie zur Besiedlung bis in die römische Kaiserzeit“. Die ersten Spuren menschlicher Besiedlung wie Werkzeuge oder Gräber stammen aus der mittleren Altsteinzeit. Im Bereich des heutigen Landkreises existieren zahlreiche Fundstellen, deren Auswertung jedoch selten modernen archäologischen Anforderungen genügt. Dr. Tobias Gärtner, Göttingen, fasste mit „Siedlungskontinuität, Landesausbau und Wüstungen. Aspekte der Besiedlungsgeschichte des Schaumburger Landes von der römischen Kaiserzeit bis zum späten Mittelalter“ die Siedlungsentwicklung zusammen. Eine kontinuierliche Besiedlung lässt sich aufgrund der prekären archäologischen Forschungssituation bislang nur mit Hilfe der Ortsnamenforschung konstruieren. Für die spätmittelalterliche Wüstungsphase kann die Archäologie vor allem bezüglich des äußeren Ablaufs wertvolle Hinweise liefern, etwa bei dem Phänomen der Wüstungskränze im Umfeld der Städte. Dr. Hans-W. Heine, Hannover, gab in seinem Vortrag „Mittelalterarchäologie: Die mittelalterlichen Burgen der alten Grafschaft Schaumburg“ einen Überblick über die Höhen- Niederungs- und Wasserburgen im Bereich des heutigen Landkreises Schaumburg. Als Besonderheit stellte er aktuelle Untersuchungen am Fundament der Kranenburg im Steinhuder Meer vor. Dr. Nathalie Kruppa, Göttingen, stellte „Überlegungen zur Herkunft und zu den Anfängen der Grafen von Schaumburg“ an. Adolf I. von Schaumburg wurde 1110 von Herzog Lothar von Süpplingenburg mit der Grafschaft Holstein belehnt. Zwei Traditionsstränge zur Abstammung der Grafen von Schaumburg wurden sichtbar: zum einen die in den frühneuzeitlichen Chroniken überlieferte Abstammung der nachmaligen Grafen von Schaumburg aus dem Raum Magdeburg (Santersleben), zum andern die durch Urkunden und Nekrologeinträge verbürgte Abstammung vom Raum der Diözese Minden an der Mittelweser, wo sich ab dem frühen 12. Jahrhundert auch die Schaumburg und ein nach und nach ausgebauter Herrschaftsmittelpunkt der Familie finden lässt. Prof. Dr. Jens Olesen, Greifswald beschäftigte sich in seinem Vortrag mit den „frühen Grafen von Holstein-Schaumburg und dem Kampf um Holstein mit den dänischen Königen (12.-13. Jahrhundert)“. Zwar vermochte Adolf III. zu Holstein-Schaumburg noch in den 1190-er Jahren seine norddeutsche Herrschaft auszuweiten, verlor aber alle Holsteiner Machtpositionen zu Beginn des 13. Jahrhunderts. Erst sein Erbe Adolf IV. konnte als Teilnehmer einer norddeutschen Fürsten- und Städtekoalition gegen die Dänen in der Schlacht von Bornhöved 1227 zurück gewinnen. Standen am Donnerstag archäologische Themen und die Anfänge Schaumburgs im Mittelpunkt, so begann der Freitag mit kirchengeschichtlichen Themen. Prof. Dr. Gerd Steinwascher, Oldenburg, konzentrierte sich bei seinem Vortrag „Kloster und Herrschaft in Schaumburg“ auf die vier frühesten Klostergründungen Möllenbeck, Fischbeck, Obernkirchen und Rinteln, die zwischen dem ausgehenden 9. Jahrhundert und der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts unter dem Einfluss des Bischofs von Minden als zuständigen Diözesanherren entstanden. Im Zuge der Herausbildung der Grafschaft Schaumburg gerieten sie unter den Einfluss der Grafen von Schaumburg, die an der Gründung des Benediktinerinnenkonvents in Rinteln auch direkt beteiligt waren. Die Klöster wurden gräfliche Grablege und in die Landesherrschaft des Grafenhauses nach und nach integriert. Ein eigenes Hauskloster haben die Schaumburger Grafen nicht gegründet, aber die vorgefundenen Klöster für ihre Herrschaftsbildung genutzt. Prof. Dr. Wolfgang Petke, Göttingen, zeigte im Vortrag „Die Ausbildung des Pfarreiwesens in den Schaumburger Landen (9./10.-14. Jahrhundert)“, dass Pfarrkirchen in Schaumburg, abgesehen von Meerbeck (1031), erst seit dem 12. Jahrhundert und damit für ein zum größeren Teil altbesiedeltes Gebiet ungewöhnlich spät genannt wurden. Dennoch waren auch die Schaumburger Pfarreien grundherrlichen Ursprungs und datieren im Einzelfall (Apelern) bereits aus dem 9. Jahrhundert. Bis zum 12. Jahrhundert spielten die Bischöfe von Minden, die alten Klöster Corvey und Fulda sowie die Billunger eine wichtige Rolle als Gründer von Pfarrkirchen. Zur Zeit des Landesausbaus im 13. und 14. Jh. wurden die gewachsenen Pfarrverhältnisse oft respektiert: Viele Hagenhufensiedlungen erhielten keine eigene Pfarrkirche. Gelegentlich gingen aber auch Siedlungs- und Pfarreigründung wie in Stadthagen Hand in Hand. Prof. Dr. Bernd Ulrich Hucker, Vechta, ging auf „Die Grafen von Schaumburg und die europäische Kreuzzugsbewegung“ ein. Sowohl aus religiösem Empfinden und der Hoffnung auf Sündenerlass, als auch aus politischem Kalkül beteiligten sich die Schaumburger wie viele andere Adelsgeschlechter an den Kreuzzügen. Adolf III. von Holstein-Schaumburg nahm 1189 am Kreuzzug Kaiser Friedrich Barbarossas teil und war involviert in die Kreuzzugsvorbereitungen Heinrichs VI. Die Bedeutung der Kreuzzüge für die Holstein-Schaumburger wird auch durch die umstrittene Aufnahme dreier (Kreuz-)Nägel in das Wappen unterstrichen. Dr. Waldemar Könighaus, Göttingen, berichtete über den „Olmützer Bischof Bruno von Schaumburg und seine Stellung in der Geschichte“. Gegen starke Widerstände gelang es Bruno von Schaumburg, 1247 zum Bischof von Olmütz geweiht zu werden. Als Bischof reformierte er die Diözesanverwaltung, auch als Kolonisator war Bruno aktiv. Entlang der mährischen Grenze zu Polen und Ungarn entstanden etwa 200 neue Dörfer und sechs Städte, die mit Bewohnern des mährischen Binnenlandes und aus Schaumburg besiedelt wurden. Er diente als königlicher Ratgeber und nahm Einfluss auf die böhmische Politik. Unter Rudolf von Habsburg wurde Bruno von Schaumburg schließlich mit der Verwaltung Mährens beauftragt. Mit dem Vortrag von Prof. Dr. Werner Rösener, Gießen, „Agrarstrukturen und ländliche Gesellschaft im Herrschaftsbereich der Grafen von Schaumburg“ wandte sich die Tagung dem Bereich der Wirtschafts- und Sozialgeschichte zu. Im Mittelpunkt des Vortrages stand die Frage, wie sich die Agrarstrukturen im Herrschaftsbereich der Grafen von Schaumburg während des Hoch- und Spätmittelalters entwickelt haben: Die Agrar- und Siedlungsverhältnisse des Hochmittelalters und die unterschiedlichen Grundherrschaftsverhältnisse im Schaumburger Land wurden vorgestellt, bevor die agrarhistorischen Veränderungen der hochmittelalterlichen Struktur behandelt wurden. Eine Besonderheit sind die Hagenhufensiedlungen, die im Schaumburger Gebiet entstanden. Behandelt wurden der siedlungsgeographische Aspekt der langgestreckten Reihensiedlungen sowie die besondere Rechtsstellung der Siedler mit dem Hägerrecht. Dr. Hendrik Weingarten, Bückeburg, fasste den aktuellen Forschungsstand der „Mittelalterlichen Wirtschaftsgeschichte Schaumburgs“ zusammen. Drei Bereiche wurden berührt: Landwirtschaft, Handwerk und Handel. Die schaumburgische Landwirtschaft wurde geprägt durch bäuerliche Betriebe, großen Rodungen mit der Anlage neuer Anbauflächen und Waldwirtschaft in höheren Lagen. Handwerksbetriebe befanden sich überwiegend in den Städten und Marktorten. Die Handwerker waren in Zünften organisiert, vertreten waren auch Handwerke, die mit der Nutzung von Bodenschätzen in Verbindung standen, Ton, Steine, Kohle oder Salz. Der Handel stützte sich wie das Handwerk auf Städte und Märkte und beschränkte sich überwiegend auf regionalen Warenaustausch. Dr. Christin und Wolfgang Krischke von der Hofreitschule Bückeburg präsentierten im Anschluss in der Reithalle „Mittelalterliche Reitkunst und Falknerei“, vorgeführt wurde u.a. Lanzenstechen in Rüstung und der Einsatz von Falken zur Jagd. Den öffentlichen Festvortrag am Abend bestritt Prof. Dr. Thomas Vogtherr, Osnabrück: „Die Grafen von Holstein-Schaumburg als Städtegründer. Die Entstehung der Schaumburger Städte“. Zunächst gründeten die Grafen Städte in ihrem neuen Territorium Holstein zur Sicherung des Landes und als Handelspunkte, von denen aus die Grafen am Überseehandel teilhaben konnten. Doch auch ihr Ursprungsterritorium befestigten sie durch die strategische Anlage von Stadthagen, Rinteln und Oldendorf um 1230. Von Stadthagen aus ließ sich die Schaumburger Ebene kontrollieren, Rinteln und Oldendorf überwachten den Verkehr auf der Weser und sicherten das Territorium nach Süden. Dabei legten die Schaumburger ihren neuen Städten detaillierte Planungen zugrunde. Den Sonnabend eröffnete Dr. Dr. Bernd-Wilhelm Linnemeier, Münster berichtete über „Nachbarn – Freunde – Konkurrenten. Die Edelherren und Mindener Stiftsvögte zum Berge und ihr Verhältnis zu den Schaumburger Grafen“. Die Edelherren vom Berge mit ihrem Stammsitz Schalksburg bei Hausberge (Porta Westfalica) waren vermutlich ab 1096 Vögte des Bistums Minden, die teils mit teils gegen die nahen Schaumburger Grafen und oft im Gegensatz zum Mindener Bischof die Ziele ihres Herrschaftsausbaus verfolgten, bis der letzte ihres Geschlechts 1397 als Mindener Bischof seinen ganzen Besitz dem Hochstift übertrug. Den Abschluss der Tagung bildete schließlich der Vortrag von Dr. Helge Bei der Wieden, Bückeburg, über „Landesherr und Stände“, in dem das Verhältnis der Schaumburger Grafen zum landsässigen Adel und den Städten deutlich wurde. Der landsässige Adel trat erstmals gegen Ende des 14. Jahrhunderts geschlossen gegenüber dem Landesherrn in Erscheinung, später kamen noch Prälaten und Vertreter der Städte hinzu. Die Einflussmöglichkeiten der Stände wechselten je nach der Stärke des Landesherrn. Der gute Besuch der Tagung im Vortragssaal des Bückeburger Staatsarchiv zeigte auch, dass regionalgeschichtliche Fachvorträge auch bei „Heimathistorikern“ und historisch Interessierten Anklang finden können. Die Beiträge werden als Tagungsband in der Reihe „Schaumburger Studien“ der Historischen Arbeitsgemeinschaft für Schaumburg“ veröffentlicht. Dr. Hendrik Weingarten